Interview zu Tür-zu-Tür: Politik ist Kontaktsport

Mario Voigt ist einer der Köpfe hinter connect17. Bei der Eröffnung des #fedidwgugl-Hauses nannte ihn Conrad Clemens den „Christoph Kolumbus des Haustürwahlkampfes“. Seit Jahren beschäftigt sich der stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Thüringen und ehemalige JU-Landesvorsitzende intensiv mit Wahlkämpfen. Schon als 27-Jähriger zog er selbst von Haus zu Haus, hat in späteren Jahren dazu geforscht, Wahlkämpfe vor Ort in den USA und Asien beobachtet und ist seit einem halben Jahr Professor an der Quadriga Hochschule in Berlin.

Von Florian Müller

F: Die meisten Wahlbenachrichtigungen sind inzwischen versandt. Kribbelt es allmählich, gerade mit Blick auf die Haustürwahlkämpfe und die Briefwahlen?

MV: Es kribbelt schon seit vielen Monaten! Wer hätte denn im Dezember 2016 gedacht, dass wir schon jetzt gemeinsam so viel erreicht haben: drei Landtagswahlen gewinnen und mit connect17 ein völlig neues System für Tür-zu-Tür und direkte Ansprache entwickeln. Wir haben schon jetzt viel erreicht, aber unser wichtigstes Ziel ist die Bundestagswahl. Die wollen wir gewinnen. Und mit Niedersachsen dann die vierte Landtagswahl in diesem Jahr.

F: Briefwahl klingt ja erst mal extrem langweilig. Warum hast du angefangen, dich für dieses Thema zu interessieren?

MV: Beim Blick auf die Fakten. Wir haben bisher immer geglaubt, dass Wahlkampf eine durchgängige Erzählung ist, die sich zum Wahltag immer weiter steigert. Tatsächlich gibt es zwei Trends: frühe Wähler und späte Entscheider. Denn man kann schon sechs Wochen vor dem Wahltag abstimmen. Und in Deutschland wählt mittlerweile jeder Vierte per Brief – 2013 erhielt die CDU/CSU fast jede vierte Stimme so. Da steckt ein sehr großes Potenzial! Studien zeigen eindeutig, dass ein großer Teil schon sehr früh per Brief wählt, weil er klar entschieden ist, wen er wählen möchte, oder weil er schon weiß, dass er am Wahltag nicht zu Hause sein wird.

Das heißt: Bevor wir so richtig mit Wesselmännern rausgegangen sind, haben schon viele Wähler ihre Stimmen abgegeben. Und das wollen wir als Union diesmal zum ersten Mal ganz aktiv mit einer eigenen Kampagne bearbeiten und bespielen. connect17 spielt dafür mit dem Tür-zu-Tür-Wahlkampf eine zentrale Rolle und das Team um Conrad macht einen sehr guten Job.

F: Welche Parteien profitieren am stärksten von der Briefwahl?

MV: Die kleinen profitieren mehr als die Großen. Absoluter Champion ist die CSU. Sie hat bei jeder Bundestagswahl seit 1990 mehr Stimmen über die Briefwahl bekommen als am Wahltag selbst. Bei der Bundestagswahl 2013 erhielten SPD und CDU relativ jeweils rund 24 Prozent ihrer Stimmen über die Briefwahl.

F: Wie sieht denn der typische Briefwähler aus?

MV: Es gibt keinen „typischen“ Briefwähler. Wir wissen aber erstens, dass der Briefwahlanteil in Städten zum Beispiel höher ist, als auf dem Land und zweitens, dass es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern und Wahlkreisen gibt. In Passau oder Starnberg, haben 2013 40 Prozent – also fast jeder zweite Wähler – per Brief abgestimmt.

F: Steht diese Erkenntnis nicht im Widerspruch zu der Zeitpunktbezogenheit des Wahlkampfes, von der Thomas Strerath von Jung von Matt in der letzten ENTSCHEIDUNG gesprochen hat?

MV: Nein. Wir müssen nur verstehen, dass es keine lineare Wahlkampferzählung gibt, an deren Ende sich die Wähler entscheiden, sondern dass entlang dieses Weges, Wähler sich zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten festlegen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass man bis zum Freitag vor der Wahl auch in seinem jeweiligen Rathaus abstimmen kann. Die Unionskampagne begleitet den Wähler dieses Jahr kontinuierlich auf seinem Weg bis zum Wahltag.

Das ist ein Balance-Akt. Ja, ein Viertel der Wähler stimmt per Brief ab, aber über 30 Prozent entscheiden sich erst in den letzten Tagen. Im Saarland haben zwei Drittel der Spätentscheider die CDU gewählt. Die Kraft auf den letzten Metern zu haben, das ist auch unser Ziel für die Bundestagswahl.

F: Heißt das, dass wir den Wahlkampf neu erfinden müssen?

MV: Ich glaube, der Wähler hat einen Anspruch auf Dialog. Politik ist Kontaktsport. Deswegen machen wir Tür-zu-Tür. Das ist ein Ausdruck der Haltung der Union. Wir gehen aktiv auf Wähler zu und sagen: ‚Hey, wir machen dir ein inhaltliches politisches Angebot, wir wissen, dass du Gesprächsbedarf hast‘. Im wahrsten Sinn des Wortes macht der Wähler für uns ein kleines Fenster der Aufmerksamkeit auf, in dem wir unsere politische Botschaft platzieren können. Wir haben begriffen, dass der Wähler ein scheues Reh ist. Und deshalb gehen wir auf möglichst viele persönlich zu.

F: Die Antwort auf den wachsenden Stimmanteil der Briefwähler ist Tür-zu-Tür als regelmäßiges Gesprächsangebot?

MV: Genau. Und das ist ein Dialog mit dem Wähler, der idealerweise nicht am Wahltag endet, der aber natürlich im Wahlkampf den Höhepunkt erreicht. Ich habe Tür-zu-Tür seit 2012 wissenschaftlich und in der Praxis untersucht. Wir können dadurch zwei bis vier Prozentpunkte gewinnen. Deswegen habe ich gerne JA gesagt, als ich gefragt worden bin, dass Projekt connect17 mitzuentwickeln.

F: Ist Tür-zu-Tür also die Wunderwaffe, die die Wahl nach Hause holt?

MV: Tür-zu-Tür hilft sehr zu mobilisieren. Aber in international unsicheren Zeiten entscheiden die Bürger sehr bewusst, wer unser Land führen soll und wer das bessere programmatische Angebot hat. Kanzlerin Merkel ist da unser bestes Argument. Allerdings muss heutzutage Politik in Echtzeit auf allen Kanälen präsent sein und kommunikativ dasselbe leisten wie große Konzerne, wenn auch mit viel kleineren Budgets. Da hilft unsere große Stärke: die Parteimitglieder und die Junge Union, die als größte Jugendorganisation Europas natürlich auch eine Wucht mitbringt.

F: Du hast dich mit Haustürwahlkampf schon seit vielen Jahren beschäftigt. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich maßgeblich geprägt hat?

MV: Meinen ersten Haustürwahlkampf habe ich mit 27 gemacht, als ich für den Kreistag kandidiert habe. Da bin ich in meinem Heimatort von Tür zu Tür gegangen. Am ersten Tag schaffte ich nur sechs Türen, weil ich immer mit reingebeten worden bin, einen Kuchen zu essen oder einen Schnaps mitzutrinken. Das ist zwar für mich ein schöner Tag gewesen, war aber wahlkampftechnisch nicht sonderlich effektiv. Am Ende bin ich gewählt worden. Seitdem schaue ich mir Wahlkämpfe in der ganzen Welt an, um direkte Ansprache praktisch und wissenschaftlich zu analysieren. Der persönliche Kontakt zum Wähler ist das A und das O, das Brot- und Buttergeschäft. Das müssen wir als Union verinnerlichen.

F: Wie wird dieser Wahlkampf die künftigen Wahlkämpfe beeinflussen?

MV: Dazu drei Punkte. Erstens: Die Bedeutung der Parteistrukturen für die Wähleransprache wird wachsen, weil wir eine Repolitisierung der Bürger erleben. Dafür braucht es neue Anspracheformen. Zweitens: Es ist der erste Wahlkampf in Deutschland, für den digital campaigning eine wesentliche Rolle spielt. Die Parteien werden künftig größere Budgets dafür in die Hand nehmen. Drittens – und das sieht man in diesem Wahlkampf schon ganz deutlich – wird es wieder um die großen Erzählungen gehen. Was ist die Richtung unseres Landes? Worauf begründet sich der Führungsanspruch? Wie stellen wir uns ein modernes Deutschland vor?

Und das ist ein wichtiger Punkt für die Junge Union. Ihr seid, und das sage ich als ehemaliger JU-Landesvorsitzender, ein Garant dafür ist, dass die CDU nicht vergisst, dass wir Zukunftsfragen beantworten müssen. Deswegen ist es nur logisch, dass connect17 auch ein Projekt zwischen CDU und der Jungen Union ist.

F: Vielen Dank.

Mitarbeit: Moritz Mihm

erschienen in Die Entscheidung September 2017

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